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So was, kommt von so was. Sitzen zwei Kerle in einem Südtiroler Hotel an der Bar und geben an wie zwei nackte Russen in der Sauna. Der eine, seines Zeichens Wirt, prahlt mit seiner deutlich jüngeren Frau, der andere, seines Zeichens Gast, versucht mit seiner Alten mitzuhalten. „Meine mocht Aikido!“, ruft der eine. – „Meine auch!“, erwidert der andere.
„Meine isch zweiter Kyu!“ – „Meine auch!“ „Naaa, desch glaub i net!“ – „Aber logo!“ Und so kommt es, dass ich mich ein paar Tage später nicht mit Skiern auf der weißen Piste, sondern barfuß in einem schneeweißen Gi in einem kleinen Dojo, im Erdgeschoss eines Mietshaus unweit der Burg Runkelstein, wiederfinde. „Blamier deine Eltern nicht“, gibt mir mein Kerl noch mit auf den Weg. Ach, denen wäre es sicherlich egal, aber ich denke mit ungutem Gefühl an meine Meister. Es ist Montagabend, als ich mit Kathi, der jungen Wirtin vom Turm in Völs, die Serpentinen nach Bozen runtersause, die nichts für empfindliche Mägen sind. Ich schaue lieber nicht nach unten auf die Brennerautobahn, hefte meinen Blick auf den vor uns liegenden Asphalt und denke an den Klinikweg. Dort fängt jetzt das Training an. Ach, könnte ich doch per Telepathie eine Verbindung aufbauen, eine Verbindung, die mir Mut, Kraft und Selbstvertrauen gibt und nicht das Gefühl, am falschen Ort zur falschen Zeit zu sein. Während Kathi ihren Mercedes lässig mit einer Hand durch die engen Kurven talwärts lenkt, versucht sie mich zu beruhigen. „Ach, das ist alles net so streng! In der ersten Stunde trainieren wir zwar nur mit den Schwarzgurten, aber in der zweiten sind dann auch Anfänger wie wir dabei!“ Wie tröstlich! Allein unter Schwarzgurten kommt mir irgendwie bekannt vor. Allein unter italienisch-sprechenden Schwarzgurten weniger. Kathis Meister ist Prof. Silvano d‘Antonio, 5. Dan Aikikai von Tokyo und Italien. Er könnte auch Eckhard Claaßen heißen. Strenger Blick, ähnlicher Körperbau, nur ist er gut zehn Jahre jünger, und ich merke schnell, dass es ihm noch an einer gewissen Altersmilde mangelt, die mich hoffen lässt, ihn im Laufe des Trainings schon irgendwie um den Finger zu wickeln. Die Kids, die noch trainieren, während Kathi und ich artig auf einem Bänkchen am Rand der Matte Platz nehmen, haben jedenfalls wenig zu lachen. Mit Kreide malt Meister Silvano Striche auf die Matte. Hier abspringen, dort mit einer gehechteten Vorwärtsrolle landen, um die Matte laufen und noch mal. Jedes Mal liegen die Striche weiter auseinander. So kann Fallschule also auch aussehen. Mir wird ganz anders. Irgendwann ist das Kindertraining vorbei und die Schwarzgurte betreten die Szene. Ohne lange Vorrede beginnt einer der Dane mit dem Aufwärmen. Ein paar Dehnübungen, ein paar Sabaki – und los geht‘s. Ich werde von Silvano als „hospitante de Hamburgo“ vorgestellt. Mir zuliebe wird er den Unterricht zweisprachig abhalten – auf deutsch und italienisch –, was nicht viel nützt, denn Angriffe und Techniken haben bekanntlich japanische Bezeichnungen, und irgendwie sprechen Italiener Japanisch anders aus als wir. Es klingt zugegebenermaßen japanischer. Erstaunlich, wie schnell man ratlos da steht, wenn sich die Betonung nur ein kleines bisschen ändert. „Kaitenageeee …“ Kenn ich nicht, hab ich nie gemacht, denke ich. Erstaunlich auch, wenn Angriff und Technik nur ein kleines bisschen von dem abweichen, was man selbst über Jahre eingeübt hat. Ich komme nicht zurecht, finde meinen Rythmus nicht, bin genervt, entmutigt. Die erste Stunde vergeht trotzdem wie im Flug – mit Knie- und Bodentechniken. Ein bisschen erschöpft (ich habe schließlich auch schon einen ganzen Tag auf der Piste hinter mir!) binde ich meinen Gurt neu. „Wir sind noch nicht fertig“, sagt Meister Silvano streng. Schon klar! In der Pause nimmt er mich ins Gebet. Was ich zu hören bekomme, ist nicht freundlich. Hier fehlt es, da fehlt es … was lernt Ihr da oben in Hamburg eigentlich? Während ich noch darüber nachdenke, ob Aikido wirklich der richtige Sport für mich ist, was der 5. Dan von Tokyo und Italien unumwunden bezweifelt, hat die zweite Stunde angefangen. „Nicht träumen, Petra!“, ruft Meister Silvano streng. Ich muss an Meister Eckhard denken. Der stünde ihm in puncto Strenge in nichts nach, aber in meinem Fall hätte er wenigstens geschmunzelt, weil er weiß, dass ich ein empfindliches Pflänzchen bin. Meister Silvano weiß das nicht, und es wäre ihm wohl auch egal, denn so nett er sonst im normalen Leben sicherlich auch ist, bei Aikido kennt er kein Pardon. Der ruppige Braungurt, den er mir zuteilt, auch nicht. Über meinen Angriff lacht der stämmige Südtiroler nur, wie auch über mein „Iriminageeee“. Mir ist zum Heulen. Wirklich, ich spür schon den Kloß im Hals. „Bist du eigentlich bescheuert, du blöde Kuh“, ruft mir gerade noch rechtzeitig eine innere Stimme zu. „So peinlich kannst nicht mal du dich benehmen. Heul nicht, gib ihm lieber ordentlich eins auf die 12!“ Das trau ich mich nicht. Aber wütend werde ich. Richtig wütend! „Herrjeh, wir machen das eben anders!“, schnauze ich ihn an. Er grinst. „Na, dann mochscht es halt andersch!“ Ja, und dann – ich mag gar nicht mehr dran denken – steh ich da und weiß nicht mehr, wie‘s geht! Bin blockiert vom großen Zeh bis in die letzten Gehirnzellen! Nichts geht mehr. Ich steh da wie doof und möchte auf der Stelle abreisen! Nie wieder will ich nach Südtirol! Nie wieder will ich einen Fuß in mein geliebtes Bozen setzen, diesem Inbegriff italienischer Leichtigkeit gemixt mit Südtiroler Bodenständigkeit. Einen Latte Macchiato unter den Lauben trinken oder einen „Veneziano“ mit einem Schälchen Kartoffelchips dazu auf dem Waltherplatz, dabei cool die Sonnenbrille in die Haare schieben, die Augen schließen und die ersten Strahlen der Frühlingssonne genießen. Das war Bozen für mich. Und jetzt? Aus meinem Urlaubsparadies ist ein Ort der Niederlage geworden, ein Ort der Schmach und Schande! Wie soll ich je meinen Meistern wieder unter die Augen treten? Am besten gar nicht! „Mach dir nichts draus“, tröstet mich Kathi später bei Pizza und Rotwein. „Wenn ich bei euch mittrainieren würde, ging es mir sicherlich auch nicht anders.“ Nett gemeint, Kathi, aber ich möchte es lieber nicht auf einen Versuch ankommen lassen … Meine lieben Freunde, ihr stolzen Dane vom HTBU, falls Ihr schon Urlaubspläne habt, ändert sie. Packt Eure Hakamas ein, fahrt mir zuliebe nach Bozen und schaut bei Meister Silvano vorbei. Montag und Donnerstag ist Training. Beweist ihm, dass auch wir Aikido können (oder besser ihr!) und zwar richtig gut. Ihr rettet damit die Ehre Eurer Meister!
Kontakt: Aikikai Bozen Meister Prof. Silvano D'Antonio Cadornastraße 6/c Tel. 0471 28 23 63 Internet: www.aikikaibolzano.it/de/default.htm
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